Dr. Daniel Spielmann

Dr. Daniel Spielmann, 38 Jahre Trainingsentwickler

Was ist für Sie Kreativität?

Ich verstehe Kreativität als produktives Brechen und Erweitern der Regeln. Egal, von welcher Domäne wir reden – Musik, künstlerisches Schaffen wie Handlettering oder was auch immer – wirklich kreativ kann man erst sein, wenn man die Regeln des Faches kennt und beherrscht, um sie danach neu zu interpretieren. 

Ist Kreativität eigentlich angeboren oder ist sie eine Haltung, die man trainieren kann?

Kreativität hängt für mich mit Lernfähigkeit und Lernbereitschaft zusammen. Ist die angeboren oder ist sie eine Haltung, die man trainieren kann? Vermutlich beides. Vor diesem Hintergrund ist Kreativität nichts der Spezies Mensch Eigenes: auch Tiere können kreativ sein, das kennt man ja etwa von Rabenvögeln, die Werkzeuge herstellen und benutzen können, malenden Schweinen und vielen anderen Spezies. 

Wofür brauchen Sie in Ihrem Beruf Kreativität?

Ich arbeite in der Personal- und Organisationsentwicklung. Dort entwickle ich Weiterbildungsmaßnahmen für Menschen mit Führungsverantwortung und Business-Seminare zu verschiedenen Themen. Will man in einem solchen Umfeld erfolgreich sein, in dem es zunehmend weniger einfache Wahrheiten gibt, muss man viel ausprobieren und dabei hilft Kreativität. Als Trainingsentwickler brauche ich Kreativität, um Klient*innen auf ihrem Weg zu unterstützen. Wichtig finde ich dabei eine gewisse „Fehlerkultur“, sowohl von Einzelpersonen als auch von Organisationen. Wer kreativ sein will, darf keine Angst vor Fehlern haben! 

Wie beurteilen Sie den Stellenwert von Kreativität in der Zukunft? Sowohl in Ihrer Branche als auch für die Gesellschaft?

Es gibt ja Seminare speziell zu diesem Thema und zu Nachbarthemen wie Flipchart-Gestaltung oder Design Thinking. Solange sich Märkte ändern, werden diese Themen auch für die Arbeitswelt immer aktuell bleiben. Und der Gesellschaft insgesamt ist ohnehin mehr Kreativität zu wünschen – zum einen, weil unsere globalen Probleme kaum mit einer alten Denke zu lösen sein werden und zum anderen, weil Kreativität einfach entspannt. Und etwas mehr Entspannung täte uns allen gut!

Wie kann man Ihrer Meinung nach Kreativität fördern?

Viel wäre schon gewonnen, wenn Schule und Universität Kreativität nicht aberziehen würde. In meiner eigenen Bildungskarriere jedenfalls hat niemand gesteigerten Wert auf die Vermittlung von Kreativität gelegt, was ich im Nachhinein ausgesprochen schade finde und was gesamtgesellschaftlich sicher auch Schaden anrichtet. Selbstreflexion halte ich für extrem wichtig: Finden Sie Ihre wenig entwickelten Seiten! Wenn Sie sich für etwas interessieren, folgen Sie diesem Gefühl. Finden Sie heraus, was Sie am Leben lieben und was Sie daran hassen und tun Sie dann mehr von ersterem und weniger von letzterem. Das ist fraglos leichter gesagt als getan, aber selbst kleine Schritte bringen einen vorwärts.

Wann und wie kommen Ihnen die besten Ideen?

Bei halbautomatisierten Tätigkeiten, die mir genug geistigen Auslauf lassen und die in einer anregenden Umgebung erledigt werden. Also zum Beispiel beim Radfahren im Wald. Oder beim Sport oder Musikhören. Wichtig ist mir dabei ein Wechsel zwischen Alleinsein und Austausch mit anderen – beides brauche ich in der richtigen Dosis und zum richtigen Zeitpunkt.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen dem Schreiben mit der Hand und dem Schreiben am PC?

Dazu gibt es ja einiges an Forschung. Ich persönlich finde, Schreiben mit der Hand trainiert die Fähigkeit, Dinge hinzunehmen, denn am Computer lässt sich alles wieder rückgängig machen, schreibe ich aber mit Tinte auf Papier, fixiere ich Buchstaben, Wörter und Skizzen und muss dann damit erstmal klarkommen, auch wenn mir im Nachhinein Änderungsbedarf auffällt. „Wer schreibt, der bleibt“ gilt besonders für das Schreiben mit der Hand. Den Genuss einer guten Feder, die gute Tinte auf gutes Papier überträgt, ist nicht mit Elektronik zu ersetzen.

Was ist Ihr Lieblingsplatz, um kreativ zu sein?

Es mag vielleicht unspektakulär anmuten – aber dieser Platz ist vermutlich eher in mirals irgendwo da draußen. Fraglos kann auch die Schönheit der Natur inspirieren, mir persönlich wichtiger ist aber, dass der Platz in meinem Kopf für kreative Zwecke gut nutzbar bleibt und dazu brauche ich das Alleinsein.

Irgendwelche Tipps?

Kreativität beginnt mit Neugier und Interesse – wer kreativer sein will, sollte also die eigenen Interessen gut kennen: Was interessiert mich wirklich, womit würde ich mich gern eingehender befassen? Beginnen könnten Sie damit, täglich aufzuschreiben, worüber Sie erstaunt waren und womit Sie andere erstaunt haben. Kultivieren Sie den „flow“ im Alltag, also die Momente, in denen Sie Handlungen um ihrer selbst willen ausführen und dabei Freude empfinden. 

Wofür verwenden Sie Ihr Schreibjournal?

Das Journal ist ein Geschenk, das ich mir selbst heute schon und in der Zukunft mache. Ich halte fest, was mich bewegt und prägt, damit ich all dies auch später noch, quasi aus der historischen Distanz, nachvollziehen und (neu) bewerten kann. Das Journal macht Dinge bearbeitbar, die ohne Journal nicht oder nur schwer zu bearbeiten wären. Mir geht es da um bewusste Selbstentwicklung – im Journal wird sichtbar, wo ich mich eventuell ändern sollte, es macht mir aber auch bewusst, wo ich mich auf keinen Fall ändern will und werde. 

Gibt es Dinge oder Personen, die sie inspirieren?

Bei Personen bin ich da vorsichtig – das kann nämlich auch schnell ins Gegenteil umschlagen: Ich habe 15 Jahre sakrale Musik gemacht und fand da immer schon Olivier Latry einigermaßen inspirierend – den Organisten von Notre-Dame de Paris. Dann stand ich irgendwann auf der Empore hinter ihm, als er eine neue Orgel eingeweiht hat und es war stellar. Als ich nach dem Konzert nach Hause fuhr, war mir klar, dass ich das mit dem Orgeln lassen werde. Die Distanz zwischen Latrys Meisterschaft und meinem eigenen Können war einfach viel zu groß. Deswegen schaue ich inzwischen lieber auf Personen, die sich mit der gleichen Domäne beschäftigen wie ich, die ich zwar als vorbildlich wahrnehme, aber nicht als unerreichbar.

Journalseiten: Dr. Daniel Spielmann

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