Lotta Katrine Meyer

Journalseiten: Lotta Katrine Meyer

Lotta Katrine Meyer, 33 Jahre
Illustratorin und Stylistin

Was ist für Sie Kreativität?

Freiheit. Für mich ist das der Moment, in dem ich ganz bei mir bin. Es ist mir wichtig, auch Projekte zu haben ohne Beschränkungen, neben den Dingen, die ich im Auftrag von jemandem mache. Kreativität ist ein unendliches, unerschöpfliches Loch, in das man sich hineinfallen lassen kann – so lange ich das habe, kann mir nichts passieren!

Ist Kreativität eigentlich angeboren oder ist sie eine Haltung, die man trainieren kann?

Beides. Ich glaube, jeder Mensch ist kreativ, das ist aber nicht beschränkt auf Malen oder Nähen, Mathematik ist auch kreativ. Man braucht Mut dafür, sich selbst zu entdecken. Aber jedes Kind wird erst einmal kreativ geboren, wobei ein gewisses Talent vielleicht eine Rolle spielt, wenn es um so etwas wie Zeichnen oder Malen geht. Im Laufe des Lebens wird einem Kreativität dann oft erst einmal aberzogen, auch das „unbequem Sein“, das auch dazu gehört. Man passt nicht so ins System, man stellt Fragen, ist mutig. Das Bewusstsein und die Wertschätzung dafür sind leider nicht so weit verbreitet. Der Fokus liegt oft leider nur auf dem Produkt, nicht auf dem Prozess, das ist schade.

Wofür brauchen Sie in Ihren Berufen Kreativität?

Beide Berufe sind ja erst einmal sehr unterschiedlich, zumindest auf den ersten Blick. Ich bin aber letztlich immer „Übersetzerin“, das heißt, ich übersetze zum Beispiel eine Idee in ein aussagekräftiges Bild. Dabei geht es auch immer darum zu erkennen, was der Kunde oder die Zielgruppe braucht. Kreativität heißt für mich, solche Visionen zu entwickeln und Welten zu erschaffen, diese für andere zu übersetzen und sie verständlich zu machen.

Wie beurteilen Sie den Stellenwert von Kreativität in der Zukunft? Sowohl in Ihrer Branche als auch für die Gesellschaft?

Kreative treffen leider oft nicht die wichtigen Entscheidungen, das finde ich schade. So kommt es zu unnötigen Beschränkungen, wenn zum Beispiel Einkäufer von vorne herein die Auswahl an Dingen in Unternehmen eingrenzen. Kreativität und eine direkte Beziehung zu Dingen sind immens wichtig, sonst sind wir in 20 Jahren vielleicht nicht mehr da. Meinungen und Mut müssten viel stärker wertgeschätzt werden, für die braucht man Kreativität und nicht immer diese Fixierung auf das Geld.

Wie kann man Ihrer Meinung nach Kreativität fördern?

Durch genug Raum und Zeit. Auch Anerkennung für Kreatives ist wichtig, dafür sind Social Media-Kanäle natürlich wie gemacht. Hilfreich ist auch, wieder mehr wie ein Kind zu denken: Was hat mich früher begeistert? Kinderhaben keine Angst oder Hemmungen, Dinge einfach auszuprobieren. Eigentlich braucht es nur eine Initialzündung, dann kann man loslegen.

Wann und wie kommen Ihnen die besten Ideen?

Kommt auf die Idee an, die ich brauche. Je mehr Freiheiten ich habe, desto länger dauert dieser Prozess. Ich habe gute Ideen beim Sport, im Café, beim Radfahren, aber ich lese und lerne auch viel, wenn ich mich in ein neues Thema einarbeite. Ich brauche immer viel Hintergrundwissen und bei größeren Projekten auch genügend Zeit am Stück und viel Raum zum Nachdenken. Ich muss auch irgendwie meine Emotionen wecken, das passiert aber auch häufig unbewusst. Oft entwickele ich auch zuerst interessante Formen und „übersetze“ sie dann in etwas anderes, zum Beispiel in ein Kleid.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen dem Schreiben mit der Hand und dem Schreiben am PC?

Wenn ich etwas mit der Hand aufschreibe, schreibe ich mir das „ins Gehirn“. Aus der Forschung ist ja bekannt, dass beim Schreiben mit der Hand sieben oder acht unterschiedliche Prozesse ablaufen, im Unterschied zum Tippen auf einer Tastatur. Deswegen sind auch Journale für mich so wichtig. Zettel gehen verloren, aber gebundene Seiten nicht.

Was ist Ihr Lieblingsplatz, um kreativ zu sein?

Die ganze Welt ist mein Spielplatz. Meine Journale ermöglichen es mir, überall auf der Welt kreativ zu sein, insofern geht es eher um die Zeit, nicht so sehr den Ort. Ich zeichne gerne das, was ich sehe. Aus diesem Grund mache ich auch keine Urlaubsfotos mehr, sondern halte das in einer Zeichnung fest, was ich erlebe und entdecke. Das ist dann wie ein Skizzenbuch und macht Situation viel lebendiger, auch noch Jahre später.

Irgendwelche Tipps?

Man sollte lernen, sich nicht selbst dauernd zu bewerten, das hat für mich über die Journale funktioniert. Auch „hässliche“ oder misslungene Bilder haben ihren Wert, man darf sich nicht vom Unperfekten aufhalten lasse. Deswegen gilt bei mir die Regel: Aus dem Journal wird nichts herausgerissen! Das Ergebnis ist erst einmal ziemlich egal, es geht um den Weg, den Prozess, nicht das „perfekte“ Ergebnis. Zeichnen und Malen ist etwas, das muss man einfach machen. Ich lege halt einfach los und mache das sehr oft, deswegen kann ich das mittlerweile auch ganz gut.

Wofür verwenden Sie Ihr Schreibjournal?

Vor allem für Zeichnungen und für alles, was mit dem Job zu tun hat. Ich notiere mir Infos, sammele Wissensbausteine, mache Skizzen und Entwürfe, auch nebenbei in Gesprächen, ich kann dann einfach besser nachdenken.

Gibt es Dinge oder Personen, die sie inspirieren?

Meine Cousine. Die ist Schriftstellerin, Künstlerin, Anwältin. Von ihr habe ich sehr viel gelernt, sie hat mich auch zum Zeichnen gebracht. Ansonsten kreative Freundinnen und Freunde oder Künstler, die Dinge können, die mir gefallen. Ich bin da wie ein Trichter, da kommt viel oben rein. Reisen inspiriert mich, Menschen, aber auch Häuser, Essen oder wie Dinge gemacht werden. Auch Orte wie das Miro-Museum in Barcelona oder das Centre Pompidouin Paris. Die Kunstwerke haben mich dazu gebracht, zum ersten Mal im Leben wirklich Farben auszuprobieren.

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